Umdenken, Richtung Wechseln Und Brücken Bauen

Wie verändert die Pandemie unsere Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft und jeden einzelnen von uns? Diese Frage beleuchtet Mag. Günther Tengel, Geschäftsführender Gesellschafter von Amrop Jenewein, in seinem Kommentar (im Original erschienen in: Academia, Ausgabe von April 2021). 

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Umdenken, Richtung Wechseln Und Brücken Bauen (Kommentar Günther Tengel, Academia, April 2021)

Viele von uns sind aufgewachsen in einer Welt mit Grenzen, die es galt zu überwinden. In den letzten zwei Jahrzehnten – den Jahrzehnten der Globalisierung und Digitalisierung – schienen wir in einer grenzenlosen Welt zu leben. Wir schienen eine unüberschaubare Anzahl an Wahlmöglichkeiten zu haben. Die Welt drehte sich immer schneller, Wachstum war der Fetisch und Tech Firmen wurden an der Börse geprügelt, wenn sie die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllten. Schnitt: Von einem Tag auf den anderen – März 2020 – stand die Welt still. Die Pandemie hat viele von uns, in jedem Fall die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft infiziert. Seit einem Jahr fühlen wir uns ein einem Blindflug, einzementiert in einem „mentalen“ Home Office. Eine Abfolge von Schließen und Öffnen, jeden Tag zuerst ein Blick „auf die Zahlen“. Unsere Zukunft scheint auf einmal nicht mehr „multioptional“ zu sein, sondern unsicher und unplanbar. In jedem Fall fremdbestimmt. Wir fühlen uns eingeengt und unsicher. Nie hat es mehr Führungskräfte – „echte Leader“ gebraucht, die die Richtung vorgeben, die Vertrauen ausstrahlen und Entscheidungen treffen und nicht für uns, sondern mit uns denken. „Nach der Krise neu denken“ las ich vor kurzem in einem Leitartikel. Falsch! Die Zeit der Krise nutzen, um die Zukunft jetzt neu zu denken. Aber wir sind anders ausgebildet worden: Gewohnt, mit Zahlen, Daten und Fakten zu führen, Pläne zu erstellen. Organisationen effizient aufzustellen und kostenbewusst zu leiten. Jetzt müssen wir auf einmal umdenken. Im Nebel steuern ohne das „Land zu sehen“. Eigentlich sollten gerade jetzt die Freiheitsgrade erhöht werden, um Unsicherheiten und Unplanbares besser meistern zu können. Die Managerin oder der Manager als Risikovermeider ist ein Auslaufmodell. Bei einer Fahrt durch den Nebel bedeutet Risikovermeidung, stehen zu bleiben. Wir sollten nicht stehenbleiben, wir sollten die Richtung wechseln. Gerade jetzt müssten wir nicht nur Kosten minimieren, wir müssten Organisationen verändern, kollektive Intelligenz auf bauen, Netzwerke bilden und Spielräume schaffen. Die Leader der Zukunft besitzen Neugierde, Vorstellungskraft und Kreativität – alles das, was uns Kinder jeden Tag vorleben! Der Handelsmanager Christoph Bündel meinte vor kurzem „Viele Manager gehören für einige Monate in die Quarantäne“. Um zu entlernen und neu zu lernen. Auch die Politik muss neu lernen. Nicht Angst verbreiten, sondern umdenken. Und das „alte“ Dashboard gegen ein neues eintauschen. Wer die Gesellschaft und die Wirtschaft mit drei Zahlen leiten will, muss unweigerlich scheitern. Es gilt, aus dem täglichen Zahlen-Stakkato auszusteigen. Jede Woche eine andere Entscheidung… Falsche Entscheidungen werden nicht besser, wenn sie schnell getroffen werden. „Die nächsten zwei Wochen werden entscheiden! Nein, nur ein baldiges Umdenken wird uns helfen richtig zu entscheiden. Wir sollten alles dafür tun, eine Balance zu finden zwischen Gesundheit und Wirtschaft, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Abstand halten kann auch ganz falsch verstanden werden. Wenn wir schon „Distanz halten“, sollten wir gleichzeitig Brücken bauen, Brücken zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Arm und Reich. Brücken bauen war schon jeher ein Grundsatz des Cartellverbandes. Und nie wichtiger als heute. Wir wollen und brauchen doch alle Meinungsaustausch, Miteinander, Nähe. Nur Nähe bringt Vertrauen. Ohne Vertrauen keine Motivation. Und Motivation bringt Freude und Zuversicht. Und nichts brauchen wir mehr als Zuversicht für unsere gemeinsame Zukunft.

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